Anschlag von Izmir am 5. Januar 2017
Beim Anschlag von Izmir am 5. Januar 2017 kam es vor einem Gerichtsgebäude im Stadtteil Bayraklı zu einer Schießerei und Explosion einer Autobombe, wodurch zwei Menschen getötet und 19 weitere verletzt wurden. Zwei Attentäter wurden von der Polizei erschossen. Die türkische Regierung machte die PKK für den Anschlag verantwortlich. Der Planer und Befehlsgeber des Anschlags, Abdulkahar Karasaç, wurde 2023 bei einem türkischen Angriff im Nordirak getötet.
Ablauf
Laut Izmirs Gouverneur Erol Ayyıldız hatten mindestens zwei Männer versucht, mit ihrem Fahrzeug auf einen für gerichtliche Mitarbeiter reservierten Parkplatz am Gerichtsgebäude zu gelangen, was ihnen vom Sicherheitspersonal an einem Kontrollpunkt an der Zufahrt verweigert wurde. Daraufhin seien die beiden Männer ausgestiegen und hatten sich vom Fahrzeug entfernt, wobei sie das Feuer aus Sturmgewehren auf die Sicherheitskräfte eröffneten. Kurz darauf kam es zur Explosion der Autobombe. Die Explosion wurde von Überwachungskameras und der Schusswechsel auch von mehreren Augenzeugen festgehalten. Die beiden Angreifer wurden unweit des Explosionsortes von Polizisten erschossen.
Ein Verkehrspolizist war im Schusswechsel mit den Angreifern getötet worden, nachdem er deren Eindringen auf den Parkplatz verhindert und einen der Täter erschossen hatte. Auch ein Gerichtsvollzieher war durch den Beschuss ums Leben gekommen, als er aus einem Fenster des Gerichtsgebäudes blickte. Laut Vizeministerpräsident Veysi Kaynak waren die Angreifer für einen größeren Anschlag ausgerüstet und hätten wahrscheinlich ein Massaker im Gerichtsgebäude verursacht. Neben zwei Sturmgewehren des Typs Kalaschnikow waren die Angreifer auch mit Faustfeuerwaffen, Handgranaten und einer Panzerfaust des Typs RPG-7 mit mehreren Granaten bewaffnet.
Nach dem Anschlag wurden das Gerichtsgebäude evakuiert und ein verdächtiges Fahrzeug kontrolliert gesprengt. Es soll sich dabei um einen möglichen Fluchtwagen der Angreifer gehandelt haben. Eine anfangs berichtete Fahndung nach einem dritten Täter wurde von den Behörden nicht bestätigt. Die Regierung verhängte eine Nachrichtensperre.
Fethi Sekins Einsatz wurde von Ministerpräsident Binali Yıldırım besonders hervorgehoben. Justizminister Bekir Bozdağ machte die PKK für den Anschlag verantwortlich.
Nach dem Bombenanschlag in Izmir hat der deutsche Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier der Türkei den Rückhalt Deutschlands im Kampf gegen den Terror zugesagt und die türkischen Sicherheitskräfte für ihren Einsatz gelobt. Johannes Hahn, Kommissar für Erweiterung und Europäische Nachbarschaftspolitik, verurteilte den Anschlag und erklärte die Solidarität der EU mit den Menschen in der Türkei. Weitere Solidaritäts- und Beileidsbekundungen kamen von den Botschaften Großbritanniens, Australiens und der USA.
Attentäter
Die beiden getöteten Angreifer wurden als Mustafa Çoban (* 1987) und Enes Yıldırım (* 1991) identifiziert. Beide waren Angehörige der Freiheitsfalken Kurdistans (TAK), was von dieser Organisation bestätigt wurde. Die TAK wird von der türkischen Regierung nicht als eigenständige Organisation, sondern als terroristischer Arm der PKK bezeichnet.
Der Vater eines der Attentäter berichtete, dass sein Sohn ein Mathematikstudium abgeschlossen, sich vor fünf Jahren der Terrororganisation angeschlossen und den Kontakt zur Familie abgebrochen habe. Der Leichnam wurde inmitten von Kohlensäcken der Familie übergeben, da sämtliche Beerdigungsinstitute sich geweigert hatten, die sterblichen Überreste zu überstellen.
Opfer
Der Polizist Fethi Sekin (* 1. November 1973 in Doğancık, Elazığ) und der Gerichtsvollzieher Musa Can (* 1969 in Çayıraltı, Turhal) wurden bei dem Anschlag getötet sowie 19 weitere Personen verletzt, darunter drei Polizisten.
Fethi Sekin absolvierte seine Ausbildung an der Polizeifachschule des 19. Mai in Atakum (19 Mayıs Polis Meslek Yüksekokulu) und wurde nach seiner Ausmusterung 1995 zunächst in Kilis, ab 1999 in Bingöl sowie ab 2002 in Izmir eingesetzt und war die letzten neun Jahre vor seinem Tod Mitglied der Şahinler-Motorradstaffel der Verkehrspolizei.[1][2][3] Er war verheiratet und Vater von drei Kindern.[4] Zu seinen Ehren wurde vor dem C-Eingang des Gerichtsgebäudes in Izmir ein Denkmal errichtet[5][6], zudem wurden unter anderem ein städtisches Krankenhaus in Elazığ (Elazığ Fethi Sekin Şehir Hastanesi)[7], eine Schule in Meram (Şehit Fethi Sekin Mesleki ve Teknik Anadolu Lisesi), ein Gebäudekomplex in Doğancık (Şehit Polis Fethi Sekin Külliyesi)[8], eine Verkehrserziehungsanlage in Kuşadası (Şehit Fethi Sekin Trafik Eğitim ve Yaşam Alanı)[9], ein Erholungsgebiet in Elazığ (Şehit Polis Fethi Sekin Mesire Alanı)[10] sowie Parkanlagen in Menderes (Şehit Fethi Sekin Parkı)[11], Bayraklı (Şehit Polis Fethi Sekin Parkı)[12], Çiğli (Şehit Polis Memuru Fethi Sekin Parkı)[13], Didim (Fethi Sekin Parkı).[14] und Tire (Tire Şehit Fethi Sekin Gençlik Parkı)[15] nach ihm benannt. Auch die Straße İslam Kerımov Caddesi, wo der Anschlag und die Auseinandersetzungen vor dem Gerichtsgebäude stattfanden, wurde nach ihm benannt (Şehit Polis Fethi Sekin Caddesi).[16]
Musa Can war verheiratet und Vater von drei Kindern. Er war mit seiner Familie 1990 nach İzmir gezogen, wo er ab 1991 beim staatlichen Unternehmen TEKEL angestellt war. Nach der Schließung des Unternehmens trat er in den öffentlichen Dienst ein und war seit 2013 Gerichtsvollzieher am 12. Strafgericht in Izmir. Can hatte Dokumente zum Empfangsbüro im Erdgeschoss von Block C des Gerichts gebracht und war auf dem Weg zurück in den 3. Stock von Block D, als er bei einem Blick aus dem Fenster tödlich getroffen wurde.[17] Er wurde am 7. Januar 2017 in Izmir beigesetzt.[18] Nach ihm wurden unter anderem eine Straße am Gerichtsgebäude (Şehit Musa Can Sokak)[19] und eine Schule in Bornova (Şehit Musa Can İlkokulu) benannt.[20]
An der Trauerzeremonie für die beiden getöteten in Izmir nahmen unter anderem der Justizminister Bekir Bozdağ, der Gouverneur von Izmir, Erol Ayyıldız, der Oberbefehlshaber der Ägäis-Armee, Abdullah Recep und der Polizeichef der Provinz İzmir, Hüseyin Aşkın teil.[21] Sekin wurde am 7. Januar 2017 in Doğancık und Can am selben Tag in Izmir beigesetzt.
Ermittlungen
Laut türkischer Polizei seien die bei dem Angriff verwendeten Fahrzeuge von Abdulkahar Karasaç bereitgestellt worden, der am 1. Januar 2017 über den Grenzübergang Esendere in den Iran ausgereist war. Ein ehemaliger Geschäftspartner von Karasaç, İsa Zorlu, wurde als möglicher Mittäter noch am Tag des Anschlags in Silopi festgenommen. Da ihm keine Tatbeteiligung nachgewiesen werden konnte, wurde er im März 2018 aus der Untersuchungshaft entlassen.[22] Am 12. Oktober 2021 wurde in Izmir der von Syrien aus überstellte Delil Hıso festgenommen. Dieser soll laut Anklage die bei dem Anschlag verwendete Munition und den Sprengstoff etwa sechs Monate zuvor von Mardin nach Izmir transportiert und an die Terroristen übergeben haben. Die Staatsanwaltschaft forderte für Hıso drei aufeinanderfolgende, lebenslange Freiheitsstrafen.[23]
Die Verhandlung vor dem 18. Schwurgericht in Izmir endete im Juni 2023 mit einem Freispruch für İsa Zorlu von allen Anklagepunkten, während Delil Hıso wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zu einer Freiheitsstrafe von 6 Jahren und 3 Monaten verurteilt wurde.[24][25][26] Der von Interpol mittels internationalem Haftbefehl gesuchte Abdulkahar Karasaç, alias Alîşêr Çiya, der laut türkischen Ermittlungsergebnissen als Planer und Befehlsgeber des Anschlags galt, wurde am 14. Juni 2023 in einer Operation des MİT im Nordirak getötet.[27][28][29]
Weblinks
- Massaker in Izmir verhindert, spiegel.de
- Suspected Kurdish militants kill two in car bombing in Turkey's Izmir, reuters.com
- Izmir police officer remembered as hero "who saved hundreds of lives", trtworld.com
- Festnahmen nach Anschlag in Izmir, diepresse.com
- Foreign officials condemn Izmir terror attack in Turkey, orient-news.net
- PKK found to be behind Turkey's Izmir attack, yenisafak.com
Einzelnachweise
- ↑ Şehit Polis Fethi SEKİN
- ↑ İzmir'de katliamı canı pahasına engelleyen kahraman: Fethi Sekin
- ↑ IDU - Fethi Sekin
- ↑ https://www.haber7.com/guncel/haber/3493544-fethi-sekin-kimdir-ve-aslen-nerelidir-nasil-oldu-fethi-sekinin-bilinmeyen-hayati
- ↑ Şehit polis memuru Fethi Sekin ve mübaşir Can’a videolu anma
- ↑ Şehit Fethi Sekin 4. ölüm yıl dönümünde unutulmadı
- ↑ Elazığ Fethi Sekin Şehir Hastanesi’nde 1 yılda 2 milyon 810 bin hasta tedavi edildi
- ↑ Fethi Sekin Komplex
- ↑ Şehit Fethi Sekin Trafik Eğitim ve Yaşam Alanı
- ↑ Şehit Polis Memuru Fethi Sekin Mesire Alanı Hizmete Açıldı
- ↑ Şehit Fethi Sekin Park'ı Menderes'te açıldı
- ↑ Şehit Polis Fethi Sekin Parkı açıldı
- ↑ Şehit Polis Memuru Fethi Sekin Parkı
- ↑ FETHİ SEKİN PARKI AÇILIYOR
- ↑ Şehit Fethi Sekin Gençlik Parkı Tire'de Açıldı
- ↑ Kılıçdaroğlu, Şehit Polis Fethi Sekin caddesi ve Musa Can sokağı tabelaları açılışını gerçekleştirdi
- ↑ İzmir'de şehit olan Musa Can, TEKEL'de çalıştığı kurumun kapatılmasından sonra adliyede işe başlamış
- ↑ Şehit adliye çalışanı Musa Can'ın cenazesi toprağa verildi
- ↑ İzmir şehitlerinin isimleri yaşayacak
- ↑ İZMİR / BORNOVA - Şehit Musa Can İlkokulu
- ↑ Kahraman Şehit Polis Memuru Fethi Sekin’e Yağmur Altında Hüzünlü Veda
- ↑ İzmir Adliyesine yönelik saldırıya ilişkin dava
- ↑ İzmir Adliyesi saldırısında bombaları getiren şüpheli için iddianame hazırlandı
- ↑ İzmir Cumhuriyet Başsavcılığınca Fethi Sekin davası kararına itirazda bulunuldu
- ↑ İzmir Adliyesine yönelik saldırıda bombaları getirdiği iddia edilen sanık, terör örgütü üyeliğinden ceza aldı
- ↑ İzmir Adliyesi'ne saldırı davası sanığı 6 yıl 3 ay hapis cezasına çarptırıldı
- ↑ MİT, Fethi Sekin'in şehit olduğu saldırının talimatını veren teröristi etkisiz hale getirdi
- ↑ 'PKK Özel Kuvvetler' sorumlusu Abdulkahar Karasaç’ın öldürüldüğü duyuruldu
- ↑ Fethi Sekin 9. ölüm yıl dönümünde anılıyor
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